Wenn Textroboter Geschichten erzählen – Ein Bericht von der Konkurrenz

Ob Textroboter mit Märchen Kinder zum Einschlafen bringen können? Content können sie bereits erstellen, ohne dass Sie es merken. Ein Test.

Die Verbreitung des Roboterjournalismus

Roboterjournalismus wird sich in in unmittelbarer Zukunkt schnell verbreiten. Dafür gibt es folgende wesentliche Gründe: Zum einen stehen Verlaghäuser unter extremen Ergebnisdruck: Sie müssen bei verminderten Budjets an digitaler Reichweite gewinnen. Auf der einen Seite befinden sich die Medien unter massiven Erfolgszwang: Sie sollen Aufwände vermindern aber andererseits in derselben Zeit mehr Internet-Benutzer und Verwalter von Online-Marketing-Budgets aus dem Segment Konsumgüter gewinnen. Aus diesem überflüssigen Zwang resultiert aber andererseits auch ein redaktioneller Nutzen: Ohne redaktionelle Etats zu blockieren entstehen zusätzliche Inhalte, die bis heute unberücksichtigte Leser und Zielgruppen erreichen können, weil sich der redaktionelle Arbeitseinsatz dafür sonst nicht ausgezahlt hätte. Etwas außergewöhnliche Themen werden so umgesetzt und tragen zu einem breiten Themenspektrum bei.

Der Abgang des Content Writers

Hätten Sie’s gemerkt? Der obige Absatz stammt nicht von mir, sondern von einem Textroboter. Die gefetteten Ausdrücke können durch eine Sammlung von Synonymen beliebig verändert werden, der Zwischentext stammt aus einer Datenbank von Satzmustern. Für einen einzelnen Text können über 1.000 Datenbankabfragen verwendet und variiert werden. Sogar grammatikalische Fehler sind inbegriffen. Derartige Roboter sind bereits im Einsatz. Kann ich meinen derzeitigen Tätigkeitsschwerpunkt als sogenannter Content Manager nun an den Nagel hängen? Es gibt zunehmend Studien, die meinen Abgang sogar nahelegen (bspw. Clerwall, Christer: Enter the Robot Journalist, in: Journalism Practice 8 (2014) 5, 519-531). Der Roboter wird als informativer, objektiver und vertrauenswürdiger wahrgenommen. Aber auch langweiliger. Immerhin etwas.

Die Fähigkeiten eines Textroboters

Dabei ist das Thema nicht bahnbrechend neu. Die Washington Post hats vorgemacht. Immerhin zählt sie neben der New York Times zu den profitabelsten Zeitungen der USA trotz oder gerade wegen dem Impact auf Verlage durch die digitale Disruption.

Sie hat eine Künstliche Intelligenz eingesetzt, die neben Redakteuren und Reportern ebenfalls über die Olympischen Spiele in Rio 2012 berichtete. Immerhin noch von Autoren erstellte Textbausteine wurden mit einer ständig aktualisierten Datenbank verbunden. Das Ergebnis konnte auf Twitter unter @wpolympicsbot verfolgt werden und sah beispielsweise so aus:

Oder auch:

Das mutet zwar noch stark wie ein programmiertes Schema an und nach nichts, dem man eine Intelligenz, künstlich oder natürlich, zuschreiben würde, jedoch war das schon im Jahr 2012. Die Technik wird weiter effektiver und effizienter. Der roboterhafte Redakteur bei der WP nennt sich nun Heliograf, war auch bereits bei der Wahl des US-Präsidenten 2016 aktiv und informiert ebenfalls als Chatbot der WP. Er ist auch für Alexa, dem redenden Lautsprecher von Amazon [wir berichteten], zugänglich. D.h., wenn ich eine Info zur Präsidentenwahl, Olympischen Spielen oder anderen größeren News-Events haben will, frage ich Alexa, welche sich dann kurz mit Heliograf unterhält und mir schlussendlich die Infos übermittelt. In Echtzeit. Was für ein Szenario, wenn Roboter Flüsterpost spielen.

Im Bereich von E-Commerce, Reportings, Befunden, Wetter-, Börsen- oder Sportberichten, Horoskopen, News oder Neuerscheinungen packen Roboter dann so richtig aus. Je nach eigenem Budget kann ein Roboter gemietet werden, der bis ca. 30.000 Texte pro Tag verfassen kann. Da bin ich mit meinen eh schon recht ordentlichen 300 Tastaturanschlägen pro Minute doch etwas hinterher. Chancenlos. Ein Weinetikett kann mit einer Datenbank, in der die wichtigsten Geschmacksschattierungen vorhanden sind, einer Wetterdatenbank und mit Charakteristika des Anbaugebietes verbunden werden. Das Ergebnis liefert beispielsweise eine Beschreibung eines Bordeaux aus Médoc mit Referenz auf 18 Grad Celsius, leichter Bewölkung in der 3. Woche im September 1951, bei tiefgründigsten Kiesböden am linken Ufer der Gironde, und der daraus resultierenden dichten Tanninstruktur, fein und weich bei vollen und muskulösen Reben. Ein Prüfsummencheck garantiert, dass jeder dieser Texte einmalig sein wird - 1.000.000 mal pro Monat. Ein Weinredakteur muss das erstmal recherchieren.

Das Einzigartige im Content - und des Online-Redakteurs

Es macht den Anschein, dass sich ein Redakteur dieser rasanten Entwicklung gegenüber wie auf einem Rückzugsgefecht vorkommen muss - die Angst vor Jobverlust. Die Aufgaben, die analytisch und statistisch erfasst werden können, werden früher oder später automatisiert werden können. Selbst das im E-Commerce so beliebte Storytelling könnte von Textrobots übernommen werden. Bleibt die Frage, was die nicht automatisierbare Eigenart des Menschlichen gegenüber der Maschine ausmacht - eine jahrhundertealte philosophische und theologische Frage. Überlassen wir das erneut der bereits erwähnten Studie:

Balkendiagramm

Das Gefühl, dass ein Text gut geschrieben und angenehm zu lesen ist, klar und kohärent wirkt, wird immer noch durch einen menschlichen Autor vermittelt. Auch eine weitere, jüngere Studie der LMU München bezeugt das größere Lesevergnügen bei Texten von Menschenhand. Vermutlich ist damit auch die Eingangsfrage beantwortet, ob Roboter kleine Kinder mit Märchen zum Einschlafen bringen könnten. Neben diesem Eindruck täuscht noch das Bild in den Köpfen der Leser: Wird als Quelle eines Artikels noch ein Journalist statt eines Computers angegeben, dreht sich die Bewertung in ihr Gegenteil, noch ehe der Inhalt des Artikels bekannt ist - der Journalist würde demnach objektiver und informativer schreiben.

Fazit

Der Textroboter als Konkurrent? In bestimmten Aufgabenbereichen - auf jeden Fall. Andererseits: Kann ich mich selbst überhaupt noch als Konkurrent zu einer Maschine ansehen? In bestimmten Aufgabenbereichen - auf jeden Fall. Als geläufigstes und beruhigendstes Argument wird noch angeführt, dass der Mensch keine Verlustängste zu haben braucht, weil er nun mehr Zeit zur Verfügung habe. Er kann sich auf komplexere Aufgaben konzentrieren wie etwa aufwändige und umfangreiche Recherchen betreiben, die ein Roboter nicht könne - der Roboter arbeitet, der Mensch denkt. Allerdings lässt sich bei diesem Argument der Geruch des Rückzuggefechts doch nicht so ganz ausmerzen.

Trotz 30.000 Texte pro Tag ist vermutlich im Bezug auf den Einzelfall in der Betreuung eines Kunden, der sich einzigartigen und hochqualitativen Content für seine Leser wünscht, immer noch das Gespräch von Person zu Person der Königsweg: eine Kooperation und ein Dialog auf personaler Ebene und nicht nur auf digitaler Ebene. Es ist immer noch ein Mensch, der etwas anstrebt, der nach kreativen Lösungen sucht, der informiert und beraten werden will, der ein besseres und einfacheres Leben sucht.

Sollte es irgendwann einmal soweit kommen, dass sich ein Roboter die großen Fragen des Daseins stellt, wer weiß, vielleicht sucht er sich dann einen Gesprächspartner aus den eigenen Reihen. Alexa redet mit Heliograf, Cortana mit Siri. Über den Sinn des Lebens. Oder über die Olympischen Spiele.

Oder über die letzten Präsidentenwahlen.