Vero: Was steckt hinter dem Hype?

Wie schnell sich die Meinungen im Netz drehen können, macht gerade das Soziale Netzwerk Vero vor. Vor drei Jahren als Alternative zu Facebook und Instagram gestartet, will das Team hinter Vero den Nutzern „weniger soziales Netzwerk und mehr Leben“ schenken.

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In unserem heutigen Blog dürfen wir einen Gastbeitrag von Sebastian Geiger präsentieren. Als Redakteur der Mediengruppe betreut er unter anderem die Computerseite Digitale Welt in unserer Tageszeitung.

Die Netz-Öffentlichkeit ist auf die mobile App erst aufmerksam geworden, als sich zahlreiche Instagram- und Facebook-Persönlichkeiten öffentlichkeitswirksam bei Vero anmeldeten und ihren Fans nahelegten, es ihnen sofort nachzumachen. Die Folge, Vero stieg zur meistheruntergeladenen App sowohl im Google- als auch im Apple-Appstore auf. Doch fast genauso schnell meldeten sich die Zweifler.

Mehr Leben, mehr Privatsphäre?

Ein Plus an Leben im Netz und mehr Privatsphäre, das verspricht Vero vollmundig auf der Firmenseite. Erreichen will das Netzwerk das durch den Verzicht auf Computer-Algorithmen. Anstatt eines Programms, das die Nutzergewohnheiten auswertet und so optimiert, was auf der Neuigkeiten-Seite zu sehen ist, werden die Nachrichten bei Vero streng chronologisch angezeigt. Eine Nachricht, die vor drei Stunden gepostet wurde, rutscht also nicht im Newsfeed weiter nach oben, nur weil das Netzwerk denkt, sie könnte den Nutzer mehr interessieren. Dadurch, dass die Programmierer von Vero auf Algorithmen zur Nutzerauswertung verzichten, muss die App auch keine Daten sammeln, so zumindest der Anspruch des Unternehmens. Die Betreiber von Vero stellen klar: „Wir kuratieren nicht, wir manipulieren nicht, wir fügen keine Werbung ein, wir halten keine Posts zurück.“ Von diesem Prinzip leiten die Macher von Vero auch den Namen der App ab. Vero ist lateinisch für „wirklich“. Der ganze Name des Netzwerks lautet: „Vero – true Social“, also „Vero – echt sozial“.

Die Frage der Monetarisierung

Ein Ansatz, der eigentlich zu gut aussieht, um wahr zu sein. Denn Veros Unabhängigkeit von Suchalgorithmen und Werbeanzeigen hat natürlich ihren Preis. Derzeit ist das Netzwerk kostenlos – noch. Nach einer Million Nutzern wollten die Betreiber der Plattform das ändern. Aktuell wurde die Offerte durch den Ansturm an Neunutzern auf unbegrenzte Zeit verlängert. Um die Plattform dauerhaft werbefrei zu halten, will Vero von den weiteren Nutzern eine Abogebühr verlangen. Wie hoch diese sein soll, ist aber noch nicht bekannt. Hier sehen einige Analysten auch den Grund, warum die Plattform gerade so einen Hype erlebt: Jeder Nutzer will noch zu denen gehören, die laut Netzwerk dauerhaft von dieser Gebühr befreit bleiben sollen.

Vero hat mit Problemen zu kämpfen

Unabhängig von der Frage der späteren Monetarisierung, an der auch Netzwerke wie Twitter und Snapchat regelmäßig verzweifeln, hat Vero aktuell aber mit einigen ganz anderen Problemen zu kämpfen:

  • Die Server sind dem Nutzeransturm nach wie vor nicht gewachsen. Anmeldungen schlugen fehl. Klappten sie doch, konnten Nutzer auf dem Netzwerk nichts posten. Zwar hat sich die Situation mittlerweile gebessert, behoben ist sie aber noch nicht. Nicht gerade der beste erste Eindruck, den Vero da machte, noch dazu bei einer Nutzergruppe, die beim Thema Aufmerksamkeit selten eine zweite Chance gibt.
  • Diverse Nutzer bemängelten außerdem, dass die Vero-App bei der Anmeldung als erstes nach einer Telefonnummer fragt. Für ein Netzwerk, das die Privatsphäre seiner Nutzer schützen möchte, kein gutes Signal, so die einhellige Meinung. Vero argumentiert dagegen, dass Telefonnummern schwerer zu fälschen seien als E-Mail-Adressen und der Zwang der Sicherheit der Nutzer dient.
  • Veros CEO, der Libanesische Geschäftsmann Ayman Hariri, hat eine alles andere als blütenreine Weste. So hat er unter anderem in seinem vorherigen Unternehmen 9000 Mitarbeitern keinen Lohn gezahlt.
  • In seinen AGB behält sich Vero das Recht vor, zeitlich unbegrenzt Nutzerdaten, -Posts, -Fotos und sogar deren Stimme für eigene Zwecke modifizieren und nutzen zu dürfen. Bislang hat Vero noch keine Angaben dazu gemacht, was das Netzwerk mit diesen Daten machen möchte.
  • Mittlerweile mehren sich die Aussagen von Instragram-Influencern, dass Vero den Hype vor einer Woche eingekauft hat. Konkrete Beweise gibt es dafür aber aktuell nicht.

Diese Enthüllungen, die nach dem Hype um die App die Runde durch verschiedene Medien machten, haben in den vergangenen Tagen einen veritablen Backlash gegen Vero ausgelöst. Aus „Vero ist das neue Instagram“ ist mittlerweile #deletevero geworden.

Doch Nutzer finden auch Vorteile an der App. Vor allem mögen sie die Aufmachung von Vero.

Moderne, dunkle Nutzeroberfläche

Bei der Nutzeroberfläche funktioniert Vero wie viele andere soziale Netzwerke. Neben reinen Fotobeiträgen wie auf Instagram können Nutzer auch Links oder den aktuellen Standort auf dem Netzwerk posten. Auch können sie Musik-, Film-, Serien- und Buchempfehlungen abgeben und mit ihren Freunden teilen. Das Ganze funktioniert mit einem zusätzlichen Kommentar unter der Nachricht oder mit einem simplen Klick.

Abgeschaut von Instagram und Snapchat hat sich Vero definitiv die Visualität. Nachrichten ohne Bild, Video oder Musik sind schlichtweg nicht möglich. Modern wirkt vor allem die Aufmachung der App. Die in dunklen Farben gehaltene Nutzeroberfläche ist simpel und klar strukturiert und vermeidet alles Überflüssige. In ihren Nachrichten können die Nutzer auch sehr genau festlegen, wer im Freundeskreis welche Neuigkeit sehen soll.

Der Moosburger Fotograf Matthias Gabriel schreibt zum Beispiel: „Für die kleinen Nutzer, die kein Vermögen in Reichweite stecken wollen, ist Vero eine coole Alternative. Der Facebook- und Instagramkiller wird es wohl nicht, aber es macht aktuell einfach viel mehr Spaß.“

Aktuell zeigt der Hype um Vero vor allem eines: Die Sehnsucht nach einer Alternative zu Netzwerken wie Facebook wächst. Der rasend schnelle Absturz, den die App in den vergangenen Tagen hingelegt hat, beweist aber auch, dass Marketing nicht alles ist.

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