Schriftarten artgerecht verwenden!

Mit Schriftarten ist es wie mit Haustieren: Im falschen Umfeld gehen sie ein. Oder unter. Comic Sans ist ein prominentes Beispiel. Ein kurzes Statement zur Typografie.

comicsans
Jetzt teilen auf:    

In den 1990er Jahren waren die Computer bereits so klein, dass sie irgendwann in jedes Kinderzimmer passten. Dabei musste nicht nur die Gehäusegröße mitspielen, auch der Zugang zu den Funktionen sollte Kinder-gerecht gestaltet werden. Und Kinder lesen gerne Comics. Batman oder Watchman.

Eine Schriftart kommt auf den Hund

Programmierer bei Microsoft erschufen 1994 einen comic-artigen Hund names Rover, der mithilfe von Sprechblasen den jüngeren Computernutzern weiterhelfen sollte. Sobald der Computer startet, rennt der Hund über den Bildschirm und gibt Tipps. Ein Designer bei Microsoft, Vincent Connare, blickte auf die Sprechblasen des Hundes und erschrak förmlich. Sein Designerherz blickte auf einen Comic-Hund, der in der Schriftart Times New Roman sprach. In Times werden Gesetztestexte gedruckt oder hochoffizielle Anschreiben in Firmen verfasst. Für seine typografische Riechnase bedeutet es, ein Comic-Hund spricht zu den Kindern wie Juristen vor Gericht. Das ist eine Sinn- und Zielverfehlung.

So sah sich Vincent Comic-Hefte an, die bei ihm rumlagen, und nahm sich bei Batman ein Beispiel. Der Hund Rover sollte wie Batman sprechen. So erschuf Vincent die Schriftart Comic Sans. Was allerdings unter den Kollegen bei Microsoft zu heftigen Diskussionen führte. Das verhinderte die Einführung, zumindest bei dem Hund Rover. Mitarbeiter benutzten sie jedoch für Einladungen zu Parties oder für Veranstaltungen. 1995 wurde Comic Sans bei Microsoft Word als Standardschriftart eingeführt.

Ja nichts richtig machen

Vincent malte einfach mit der Maus ein paar Buchstaben und löschte, was keinen Sinn machte. Keine geraden Linien, kein Bedürfnis nach Korrektheit oder danach, typografische Grundsätze einzuhalten. Ihm machte das einfach Spaß. Auf einmal war die Schriftart überall zu sehen. Zeitgleich formierte sich eine Gruppe “Ban Comic Sans”, die die Schriftart von diesem Planeten tilgen wollte. Doch für all das war die Schriftart nicht gedacht. Sie sollte für Kinder sein, die spielerisch einen Zugang zum Computer erhalten sollten.

Vincent selbst hat sie lediglich ein einziges Mal benutzt: in einer Beschwerde-Mail an seinen Netzbetreiber. Er sagte selbst in einem Interview bei The Guardian: “Der Grundsatz lautet, dass Typografie nicht aufdringlich sein soll — Comic Sans schreit jedoch geradezu.” Neben den Comic-Sans-Gegnern wollen die Befürworter vermitteln, dass es eine Schriftart ist, die eben nicht so technisch aussieht, irgendwie freundlich, einladend, wie damals in der Kindheit, als es noch Briefe gab, entspannt, kreativ. Für “Ban Comic Sans” ist sie nur naiv und doof. Bis zwei Schwestern einen Blogbeitrag für (und in) Comic Sans geschrieben haben, der seine Runde in den Netzwerken gemacht hat.

Mit der falschen Schriftart hat jeder Dyslexie

Die Schwester der Autorin Lauren Hudgins, Jessica, leidet an Dyslexie, einer Leseschwäche. Um eine Vorstellung davon zu bekommen, gibt es eine eigene Schriftart, die verdeutlicht, wie lesegeschwächte Personen die meisten Buchstaben wahrnehmen:

comicsans

Das war ein Ankündigungsplakat zu einer Londoner Veranstaltung zum Thema Dyslexia des Designers Daniel Britton (Quelle tumblr). In der Schriftart Helvetica wurden wichtige Elemente weggelassen. So in etwa müssen Menschen mit Dyslexie im Alltag lesen.

Und doch was richtig gemacht

Mithilfe von Comic Sans ist es für Jessica möglich geworden, ähnlich wie ihre Mitschüler dem Unterricht folgen zu können und einen Abschluss in Zoologie in Wales zu schaffen. Das ist wie eine Gehhilfe oder ein Blindenstock, nur eben eine Hilfe zum Lesen. Gründe dafür sind die weit gesetzten Buchstaben von Comic Sans, also viel Platz dazwischen, und die Unverwechselbarkeit der einzelnen Buchstaben. Es gibt wenige Wiederholungen oder Spiegelungen wie “d” oder “b”. Die Verachtung für Comic Sans sieht Jessica als eine ähnliche Sichtweise an, als ob man sich über einen Blindenstock oder einen Rollstuhl lustig machen würde. Times New Roman dagegen ist, als ob einem Halbblinden noch eine Augenbinde aufgesetzt würde.

Und damit könnte sich auch für die “Ban Comic Sans” ein Konsens abzeichen. Jede Schriftart ist für einen bestimmten Zweck nutzbar. Eben für die Sache, die mit Worten ausgedrückt werden soll. Kinder haben in der Regel kein Problem mit Comic Sans. Für viele ist sie eine Hilfe. Für Typografen ist es das Gegenteil von klar, minimalistisch, kunstvoll. Muss es auch nicht. Mittlerweile gibt es eigene Schriftarten für Legastheniker. Für Jessica ist Comic Sans nach wie vor die beste Lösung für ihr Problem. Für andere tut es auch Arial mit großer Schriftgröße und mehr Zeilenabstand. Traditionelle Firmen brauchen eine andere Typografie als Hipster-Unternehmen oder Kanzleien. Schreiben Sie nur Ihrem Chef nicht in Comic Sans.

Jetzt teilen auf: