Hologramme und der menschliche Traum von Entgrenzung

Hologramme können Tote wiedererwecken und das Universum erklären. MJ verdiente bisher 140 Mio. unter der Erde. Unentdeckte Marketingchancen?

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Wir berichteten bereits von künstlichen Intelligenzen wie Chatbots (Cortana, Siri und Alexa) oder den Textrobotern. Dort ging es darum, welche Aufgaben sie schon heute für den Menschen übernehmen können. Nun geht es darum, dass diese Intelligenzen auch beliebige Gestalten annehmen können - unabhängig davon, ob die jeweiligen Personen real existieren oder nicht. Man nennt sie Hologramme. Was Star Wars und Star Trek bereits vorweggenommen haben, wird langsam, aber sicher Realität. Mit dem virtuellen Sprachassistenten Cortana können Sie nicht nur reden, sondern sie auch als Hologramm bestaunen. Die persönliche Prinzessin Leia für Zuhause. Und klug ist sie obendrein.

Wiedererweckung von den Toten als Hologramm

Hologramme sind Projektionen von beliebigen Objekten, die sich frei im Raum befinden und ohne weitere Hilfsmittel betrachtet werden können. Oder auch Projektionen von den Sehnsüchten der Menschen. Dazu zählt auch die Möglichkeit der Wiedererweckung von den Toten. Die Rebellion gegen die Endlichkeit scheint eine kleine Schlacht im Krieg zwischen Leben und Tod gewonnen zu haben. Oder auch eine Rebellion gegen die zeitliche und räumliche Begrenztheit. Und darin scheint sehr viel Kapital zu stecken, wie der Geschäftsführer von Hologram USA Alki David prognostiziert: “Mit Hologrammen wird sich mehr Geld verdienen lassen als mit Pornografie.” Allerdings stand er mit seiner Meinung viele Jahre allein und die Investoren ließen auf sich warten.

Heute betreten längst verstorbene Musiker wieder die Bühne wie Michael Jackson oder der 1996 erschossene Rapper Tupac Shakur zusammen mit Snoop Dogg und Dr. Dre. Die Mutter des Rappers gab 2012 ihr Einverständnis zu dieser Wiedererweckung ihres Sohnes. Das geht auch so weit, dass Rockstars schon nicht einmal mehr gelebt haben müssen, um die Charts anzuführen, wie es bei der virtuellen Sängerin Hatsune Miku in Japan der Fall ist.

Der Tod eines Stars macht ihn zur Legende, das ist nichts Neues. Nun kann sie als Hologramm wieder zurückkehren. Das ist nicht nur bei Musikern der Fall, auch andere Emotionen erweckende Idole wie Sportler treten als Hologramme jenseits von lokaler Raum- und Zeitbegrenzung auf.

Duplikate der Lebenden und des Profits

Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm sind im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund bereits holografisch greifbar; virtuell duplizierte Fabergè-Eier wären vom Original nicht mehr zu unterscheiden. So wird es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis sich die fehlende Unterscheidbarkeit nicht nur mehr auf Eier beschränkt. Fußballer der San Francisco 49ers können in den USA bereits als Hologramme Pressekonferenzen geben oder die Zuschauer die Traineransprache in der Kabine auf dem Platz selbst miterleben. An der Pressekonferenz zum Audi-Cup nahm nur Ancelotti persönlich teil, Diego Simeone, Jürgen Klopp und Dieter Nickles erschienen als Hologramm.

Die Hologrammtechnik wird auch von Personen eingesetzt, die ihre eigene Propaganda damit befeuern wollen, wie es beispielsweise im Wahlkampf stattfindet. Der französische Politiker Jean-Luc Mélenchon konnte so an sieben Orten gleichzeitig auftreten und bekam in der Präsidentschaftswahl 2017 in Frankreich immerhin knapp 20% der Wählerstimmen.

Die Anwendungsmöglichkeiten wachsen in dem Maße, wie die benötigten Ressourcen schrumpfen. 5 Minuten Michael Jackson resurrected benötigte noch ein halbes Jahr, einen erschossenen Rapper auf die Bühne zu bringen über 400.000 Dollar. Was verstorbene Legenden allein ohne Hologramm-Vermarktung einnehmen, darüber geben Rankings Auskunft: Michael Jackson verdiente mit 5 Jahren Grabesruhe über 140 Millionen Dollar, Elvis in Graceland 55 Millionen, also unter der Erde, Albert Einstein 11 Millionen, obwohl sein Gehirn bereits zersägt und kartografiert worden ist. Die Einnahmen, die mit toten Stars erreicht werden, würden mit der Hologrammtechnik nochmal eine schwindelerregende Höhe erreichen. Und mit einer holografischen Wiederbelebung von Einstein könnten Mütter behaupten, ihr Kind wäre von Einstein unterrichtet worden. Und hier ist die Frage: Kann man sagen “höchstpersönlich”?

Oder wie ist das mit Personsein, Personenwürde, Persönlichkeitsrechten und wer darf das posthum verdiente Geld ausgeben? Wie bei jeder rasanten technischen Entwicklung kommen irgendwann mit zeitlicher Verzögerung die Fragen nach Moral und danach, ob alles umgesetzt werden darf, was umgesetzt werden kann. Aber so kompliziert muss man es noch gar nicht angehen.

Das Hologramm in der Hosentasche

Im Alltag kennt man Hologramme bereits von Geldscheinen, Reisepässen, Postkarten oder den Kinderbüchern, bei denen durch ein Verdrehen der Augen 3D-Objekte erscheinen. Die Technik, das ganze auch Smartphone-tauglich zu machen, ist auf dem Vormarsch.

Aber Sie brauchen kein High-Tech für Ihr persönliches Hologramm. Es reicht eine kleine Anleitung, etwas Fingergeschick und etwas Büromaterial. Aus den Spiegelungen von vier durchsichtigen Seitenwänden wird jedes beliebige Foto von ihrem Smartphone zu einem Hologramm. Das verblüffende dabei ist, dass hier aus zwei Dimensionen, also der Länge und der Breite des Displays, die dritte Dimension entsteht. Das fotografierte Objekt scheint zu schweben.

Dieses Prinzip haben Physiker auf das ganze Universum angewandt und meinten, die Gesetze, so wie wir sie kennen, sind eigentlich zweidimensional. Für uns stellen sie sich nur dreidimensional dar. Demnach war das Universum einmal ein riesen Hologramm in unseren Augen. Das soll keine Konkurrenztheorie zum Big Bang darstellen. Jedoch kann sich noch keiner erklären, warum sich das Universum schneller als mit Lichtgeschwindigkeit ausdehnt und wie alles, was im Universum existiert, in dieses winzige Paket des Anfangs reingepasst hat. Wenn Forscher diese Theorie mit Daten füttern, passt das erstaunlich gut zu diesen Problemen - zwei Raumdimensionen und die Zeitdimension, mehr bräuchte man nicht zur Erklärung des Universums. Allerdings gilt das nur für den Anfang. Es kann sein, dass aus einer zunächst holografischen dritten Dimension nun eine reale dritte entstanden ist. Wir leben zwar nicht in einem Hologramm, sind aber aus einem entstanden. Andere schon beerdigte Personen enden gerade wieder als Hologramm, ein ewiges Kommen und Gehen.

Alki David sieht die Zukunft auch vor allem in der Telekommunikation, also alle Möglichkeiten von Skype, nur jetzt in 3D. Die Geschäftspartner stehen mitten im Raum und können an verschiedenen Konferenzen gleichzeitig teilnehmen. Oder wenn es nach Alki ginge, steht in Zukunft auch irgendwo ein holografischer Jurassic Park, sofern sich ein Investor finden ließe. Dann könnte man auch zum Greifen nah den Zusammenhang zwischen Dinosauriern und der Frage nach der Henne und dem Ei betrachten, die wir bereits eingängig geklärt hatten.

Das Hologramm scheint ein sehr mächtiges Phänomen zu sein - vom Selbstgebastelten bis zur Welterklärung und zur Auferstehung von den Toten. Moralisch unbedenklich? Jetzt kanns doch noch etwas komplizierter werden.

Ethik als die holografische 4. Dimension, das Recht am eigenen Hologramm, das Recht eines Holograms?

Das Recht am eigenen Hologramm könnte moralisch und juristisch ähnlich geregelt werden wie das Recht am eigenen Bild, wie es bereits der Fall ist. Schwieriger wird es, wenn das Hologramm selbst sich derart selbstständig machen könnte, dass es Rechte für die eigene - Projektion, Holografie, Person(?) reklamiert. Das mag nun etwas weit hergeholt klingen. Aber allein die Frage, ob Konzertfans gerne auf ein holografisches Konzert eines Toten gehen würden, wird kontrovers beantwortet. Ist es entwürdigend und widerspricht es der menschlichen Bestattungskultur, Tote mit ähnlicher Ununterscheidbarkeit zum Original wie bei Fabergé-Eiern als Hologramm wieder unter die Lebenden zu schicken? Oder sind diese Bedenken im Grunde nichts anderes, wie es auch bei anderen Bildnissen von Toten, die auf Kommoden stehen oder als Poster in Teenie-Zimmer hängen, der Fall ist, nämlich unbedenklich?

Wenn Tourmanager einen Toten auf die Bühne schicken als Memorial mit den technischen Mitteln, die dafür zur Verfügung stehen, ist das Unbehagen noch nicht so ausgeprägt. Es kann ja auch Teil der Trauerkultur sein. Im Bereich des Geldmachens wird es schon deutlicher, wenn mit Hologrammen die Karriere eines Stars im wörtlichen Sinne über den Tod hinaus künstlich verlängert wird. Die Meldung über den Tod eines Stars verkommt nur noch zur Randbemerkung - es kann ja über den Tod hinaus noch weitergehen. Und die Geldmaschinerie dreht sich auch weiter. Jedenfalls solange nicht den Fans, die die Tickets bezahlen, ein ähnliches Unwohlsein beschleicht und dem sprichwörtlichen Spuk ein Ende bereiten.

Lässt sich zu einem Hologramm, das letztlich eine Karikatur darstellt, weil sie das Menschliche der Person nimmt, eine ähnliche Beziehung aufbauen wie zum Star selbst? Und wenn nein, hat hier das Potential eines Hologramms vielleicht eine Grenze?

Vermutlich behält Alki David Recht, wenn er die größere Zukunft der Holografie im Bereich der Telekommunikation sieht. Es muss ja nicht gleich das Kaffeekränzchen mit einem Diplodocus im Jurassic Park sein, wobei – seien wir ehrlich – wir das ziemlich cool fänden. Für den Anfang reicht es uns, mithilfe der holografischen Kommunikation die dunkle Seite der Macht zu besiegen. Und mit diesem Wissen können wir beruhigt schlafen gehen.

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