“Halo, I bims!” - Wenn den Generationen die Buchstaben ausgehen

Was liegt eigentlich gerade im Trend und ist im Fokus von Autoren? Generation Y? Generation Z? Und wie wird weitergezählt? Generation Za?

Nicht nur den Generationenbeschreibungen gehen die Buchstaben aus, auch dem Kommunikationsverhalten der jeweiligen Generation, so das Klischee. Das bezieht sich jedoch nicht allein auf “die” Jugend. Die 140 (bzw. 280) Zeichen einer Twitter-Nachricht scheinen auszureichen, manchmal sogar für globale Weichenstellungen, wie es bei gewissen Regierungschefs der Fall ist. Trotz des Zeichenminimalismus kann schnell der Überblick verloren gehen über die Entwicklung und den Zusammenhang von Generation und Sprache. Das führt leider gerne zu vereinfachten Urteilen. Der australische Sozialwissenschaftler und Bestsellerautor Mark McCrindle verhilft zu einem kurzen Überblick.

Die Generationen X-Z

Der allgemeine Trend ist klar: Neue Technologien beeinflussen unsere geschriebene Sprache, die Kommunikation und Ausdruck.

Die Generationenfrage beginnt

  • 1925-1945 mit den Builders, gefolgt von
  • 1946-1964 den Baby Boomers,
  • 1965-1979 der Generation X,
  • 1980-1994 der Generation Y und endet bisher im Jahr
  • 2010 mit der Generation Z.

Jede Generation ist von eigenen Merkmalen geprägt. Die einen haben gerade Radio mitbekommen, die anderen iPads; die einen waren Fans von Glen Miller, die anderen von Taylor Swift. Auch die Sprache weist ihre Eigenheiten auf. Auch vong der Grammatik her. In 2005 hätten die meisten Leute solche Sätze wie “was ist deine neueste App”, “hast du diesen Tweet gelesen”, “benutzt du Android” oder “mach daraus mal ein Statusupdate” einfach nicht verstanden.

Ein Trend geht zur Vereinfachung: Weniger Zeichen, weniger Wortschatz, der Verzicht auf Subjekt, Prädikat und Objekt. Aber auch ein gegenteiliges Konzept ist zu erkennen, unabhängig von Generationen: Wortungetüme wie “Coffee Frappuccino Light Blended Beverage” (Eiskaffee), “Abstand(s)einhaltungserfassungsvorrichtung” (Querstreifen auf der Autobahn) oder einfach nur “geil” (beschwingt, glückselig).

Die Babyboomer gelten als Perfektionisten und Spezialisten, die Generation X noch als fleißig und karriereorientiert. Der Sprachtrend der Generation Y ist geprägt von wenigen Zeichen, Abkürzungen, kurzen, prägnanten Formulierungen, aber auch von Mehrsprachlichkeit.

Im Content Writing gibt es natürlich den Grundsatz der Einfachheit und der Verstehbarkeit. Die Künstliche Intelligenz hinter Google versteht auch Grammatik - auch, wenn da was schiefläuft. Die Nutzererfahrung steht im Vordergrund. Je schneller und einfacher der Nutzer das bekommt, was er sucht, umso besser für die Webseite und deren Ranking in den SERPs. Nur die 1fachheit kann man auch übertreiben. Facebook hat nicht nur ein Tool patentieren lassen, das Trendsprache im Voraus erkennen soll, auf dessen Plattform werden auch Sprachtrends auf die Spitze getrieben.

Die sogenannte “Vong”-Sprache wurde zu einem unerwarteten Erfolg eines 33-jährigen Großhandelskaufmannes, der die Figur Willy Nachdenklich inszenierte und in dessen Namen falschgeschriebene Lebensweisheiten satirisch übertrieben werden. Das Ergebnis ist wieder ein eigener Sprachtrend, dem Formulierungen wie “I bims” oder “vong… her” entsprangen. Die Ersetzung von Artikeln durch Zahlen wird oft auf den Rapper Money Boy zurückgeführt, der diese 1 Idee hatte. Selbst der Duden postete „Man muss immer auf korrekte Rechtschreibung 8ten. Vong Grammatik her.“

Das Positive dabei ist, dass Fehler und Übertreibungen nur Sinn machen und erkannt werden, wenn das dazugehörige Regelwerk bekannt ist. Möglicherweise geistert ja bei vielen Lesern die Frage im Kopf herum, wie es denn eigentlich korrekt heißen würde. Das wäre wiederum ein pädagogischer Erfolg. So vong Lernen her. Und wenn man sich unsicher ist, einfach ein Emoji benutzen.

Dennoch bleibt auch die Vong-Sprache ein Trend, der ja gerade nicht von einer Jugend oder einer Generation XYZ stammt, sondern von einem erwachsenen Menschen ins Leben gerufen wurde. Sich Sprachtrends für eigene Kampagnen anzueignen mag kurzzeitig ein Erfolg sein, andererseits wie im Fall der "Vong"-Sprache an der Zielgruppe vorbeiführen und fast peinlich anbiedernd wirken. Die Sprache des Kunden kennen und sprechen können ist nie verkehrt, die eigene Authentizität ist dagegen wirkungsvoller, nicht nur im Content Marketing.

Die Jugend und der immerwährende Sprachverfall

Was ist dran an dem Urteil, Social Media und Messenger tragen zum großen Sprachverfall bei den Jugendlichen bei?

Es stimmt, Sprache verändert sich. Aber tat sie das nicht immer? Den Trend der Chatsprache beurteilen Sprachwissenschaftler unterschiedlich:

Als die Sprachforscherin an der Universität Potsdam Heike Wiese solche Aussagen wie „Morgen geh ich Kino“ oder „Ischwör Alter, war so“ hörte, drehte sie sich neugierig um. Was sie sah, überraschte sie. Da sprachen keine türkischen Jungs. Es waren deutsche Teenager.

Helga Kotthoff beobachtet: "Viele Jugendliche leben heute in einer mehrsprachigen Umgebung. Das ist für sie viel präsenter als für viele Erwachsene", sagt die Linguistin von der Universität Freiburg. Ihre These: Das, was viele Menschen einfach nur für falsches Deutsch halten, ist zugleich ein wichtiger Baustein in der Entwicklung einer Persönlichkeit. "Unser Eindruck ist, dass die auch anders können, wenn sie wollen", sagt Kotthoff. Vielmehr handele es sich bei Kiez-Deutsch um eine indirekte Form der Solidarität, ein politisches Statement:

"Die Jugendlichen begründen das zum Beispiel damit, dass in ihrem Kiez mehr Türken leben als Deutsche und ihnen diese auch besser gefallen - etwa, weil die Familien intakt sind und der Vater nicht trinkt. In der öffentlichen Wahrnehmung kommt das wenig vor."

Sprache spiegelt daher eine Entwicklung wider, die aus einem bestimmten Bedürfnis entsteht: Sich selbst eine eigene Lebenswelt erschaffen, die sich auch sprachlich dem Zugriff von Erwachsenen entzieht:

Eltern an Kind 3 wtf
Eltern an Kind 1 IDK
Eltern an Kind 2 LOL

"Sie erobern sich damit etwas, das sie von den Erwachsenen nicht bekommen und machen die Erfahrung eines Freiraums”,

so Kotthoff.

Dieser Freiraum kann sehr kreativ gestaltet werden. FKK wird ersetzt durch Bananenbräunen, der männliche Schnauzer wird zum Pornobalken, Sushi sind die Beraterpommes, ein Sixpack Bier wird zur Herrenhandtasche, ein kleiner Hund zum Teppichporsche.

Welche Dimensionen dieser Freiraum hat, dürfte vielen Erwachsenen gar nicht bewusst sein - denn was früher sichtbar war und in Briefen geschah, in Tagebüchern und Poesiealben, geschieht heute vornehmlich auf Tasten:

"Jugendliche schreiben heute so viel wie noch nie zuvor",

sagt Kotthoff. Auf Facebook, mit dem Handy und im Chat.

Das Gegenteil: Ausdifferenzierung von Schriftsprache

Noch nie haben die Deutschen so viel geschrieben wie in der Gegenwart: "Die Schriftsprache differenziert sich zunehmend aus", erklärt Beate Henn-Memmesheimer, Linguistikprofessorin an der Universität Mannheim. Die meisten Nutzer wechseln mühelos zwischen unterschiedlichen Stilen und Schreibweisen hin und her.

"In den siebziger Jahren haben Schüler mit Vorliebe comicsprachliche Ausdrücke wie ächz, würg, stöhn benutzt",

sagt Henn-Memmesheimer. Sie selbst konnte sich nicht mehr so recht daran erinnern, erst Kollegen hätten sie darauf aufmerksam gemacht. Damals waren sie selbst Jugendliche. Heute sind sie Professoren für deutsche Sprache.

Aber auch Facebook hat die Art des Schreibens verändert.

"Seit das soziale Netzwerk vielen Nutzern als privates und berufliches Aushängeschild dient, wird dort in vielen Kreisen wieder mehr Wert auf 'ordentliches' Deutsch gelegt",

so die Linguistin.

Die Linguistin Christa Dürscheid aus Zürich beobachtet: "In der deutschsprachigen Schweiz schreiben viele ihre Chatbeiträge, SMS und Nachrichten auf Facebook komplett in Dialekt." Das stärkt den Sozialverbund innerhalb einer Gruppe. Sollen die Beiträge von einem größeren Publikum geliked werden, schwenken sie auf Schweizerdeutsch um.

Emotionen können andererseits auch auf positive Weise ausgedrückt werden.

Ausdruck von Emotionen

In einer mehrsprachigen Umgebung wird eine Art von Sprache neu belebt, die unabhängig von Grammatik und Wortschatz verstehbar ist: die Zeichensprache. Das ist umso nützlicher, wenn Emotionen statt Informationen ausgetauscht werden sollen.

Emojis sind die modernen Symbole der Zeichensprache. Sie drücken anhand von Gesichtsausdrücken und Symbolen Emotionen aus und sind international verständlich. Emotionen lassen sich nicht auf eine bestimmte Nationalsprache begrenzen.

Anhand dieser Zeichensprache lassen sich ganze Geschichten nacherzählen oder Rätsel aufbauen. Selbst modernes Online-Marketing macht sich diesen Trend zunutze. An eigens von den Kardashians kreierten Emojis (die Kimojis!) in Verbindung mit bestimmten Marken verdienen diese Damen sehr viel Geld.

Hochdeutsch bleibt wichtig

Kiez-Deutsch werde für Jugendliche nur zum Problem, wenn sie kein Hochdeutsch beherrschten, so Heike Wiese. Das sei aber nur eine kleine Minderheit. Das merkten ihre Studenten, als sie Kreuzberger Jugendliche für Kiezdeutsch-Analysen interviewen wollten. Sie erhielten Antworten auf Hochdeutsch.

“Die meisten Teenager nutzen Kiezdeutsch nur als Zweitsprache, manchmal auch als Provokation“, sagt Wiese heute, „sie können auch anders.“ Bei der Jugend in Kreuzberg komme noch etwas hinzu, das Germanisten sonst in bayerischen Dörfern beobachten: Wer Hochdeutsch spricht, gerät schnell in den Verdacht, die Nase sehr hoch zu tragen.

Der umgekehrte Effekt ist ebenfalls zu beobachten: „Haltestellen-Deutsch“ nennt Wiese, was sich wohl ganz unabhängig von Migration in den Alltag eingeschlichen hat: „Ich bin jetzt Friedrichstraße“ oder „Ich steig Zoo aus“. Das sage auch ein 50-jähriger Anzugträger aus dem Grunewald, schmunzelt Wiese.

Fazit

So vong Inhalt her: Jungen Generationen gehen die Buchstaben eben nicht aus, schon gar nicht offenbart die Chatsprache deren sinkenden IQ - sie ordnen die Buchstaben nur anders an.