Content, SEO und Poesie - Ein Widerspruch?

Content is King, Usability is King… wo bleibt da die Phantasie? Die Poesie? Und wer wird der neue König? Was die Poesie der SEO voraus hat.

Content is King

Ein Kunde von idowapro, der sich auf den Vertrieb seiner Produkte durch einen Online-Shop konzentriert, hat es im internationalen Wettbewerb nicht leicht. Die Suchergebnisseite 1 von Google ist hier hart umkämpft. Ein wichtiger Baustein in diesem Wettbewerb ist (einmal wieder) relevanter Content. Wenn ein Besucher des Shops nicht sofort und nicht genau die Antworten findet, die er will, springt er zurück und geht zum nächsten Treffer. Und das merkt sich Google.

Das dachte sich auch der Unternehmer und erteilte idowapro den Auftrag, monatlich jeweils einen Blog mit Beiträgen über die Relevanz seiner Produkte zu füllen. Das Ziel war klar: Es soll von einem Profi Content erstellt werden, mit dem der Besucher sofort die Antworten auf all seine Fragen rund um die Themenwelten des Shops findet - möglichst umfassend und klar. Nicht die Eigenschaften der Produkte stehen im Vordergrund, sondern welche Bedürfnisse des Kunden damit gedeckt werden.

Usability is King

Klarheit ist schonmal ein gutes Unterfangen, denn: Ein Psychologie-Professor aus Princeton, Daniel M. Oppenheimer, veröffentlichte ein Paper zum Thema, warum unnötig lange Wörter starke Probleme verursachen. Das Credo von Prof. Oppenheimer: Drücke dich so klar wie möglich aus, dann hält man dich für intelligent. Dafür gewann er den Nobelpreis.

Nun unabhängig davon, ob diese Blogposts diesem Credo gerecht werden, geht es um den Nutzen von Content, also von Text. Der Leser liest nicht zum Zeitvertreib, er will etwas damit erreichen, sein Ziel. Je besser ein Text dieses Ziel des Lesers erkennt, verfolgt und trifft, desto besser ist der Text. Und desto erfolgreicher kann das Unternehmen werden. Die Kette lautet also: Bedürfnis - Ziel - Zielerfüllung - Conversion. Conversion bedeutet, dass der Leser oder der Kunde das macht, was der Unternehmer bezweckt - eine Newsletteranmeldung, eine Registrierung, ein Download, ein Kaufabschluss. Der Text dazu hat eine Funktion, die er erfüllen muss. Und das macht neben Katzenvideos den Hauptanteil an Content im Internet aus.

Poetry is… what?

Gibt es noch Content oder Text, der keine Funktion erfüllt? Ja. Im obigen Beispiel wäre es: ein schlechter Text. Aber ist wirklich jeder Text schlecht, der keine Funktion erfüllt? Nicht unbedingt, die ein oder andere verblasste Erinnerung reicht möglicherweise zurück bis in die Deutschstunden der Schulzeit: Gedichtinterpretation und Phantasieerzählung. Haben diese Textgattungen in einer Textwelt des Internets, die auf Funktion aus ist, überhaupt noch einen Platz oder einen Sinn? Können Gedichte SEO-relevant sein, sollten sie das? Oder wäre genau das Gegenteil der Fall: ein Gedicht, das das Ziel hat, möglichst gut zu ranken, hat schon wieder eine Funktion und damit ist es eigentlich keine freie Textform mehr.

Im Falle der Lyrik gibt es tatsächlich eine lebendige Szene. Das Internet erweitert die Gegenwartslyrik um neue Publikationsmöglichkeiten und um interaktive, multimediale Schreibweisen. Neben der Lyrik auf Twitter und Tumblr steht der Blog im Vordergrund, darunter auch Internet Poetry. Was dort zum Ausdruck kommt, ist nicht mehr das klassische Sonett oder das Versmaß Hexameter, sondern Lyrik als Verbindung von kurzem Text mit Bild: Screenshots von Lyrik. Wie bei vielen Arten von Lyrik ist es auch hier dem Leser überlassen, etwas damit anfangen zu können.

Im deutschen Sprachraum gibt es eine junge und etwas studentische Szene für Poesie. Zeugnis dafür ist paradoxerweise ein Printprodukt, Lyrik von Jetzt. 74 Stimmen, herausgegeben von zwei Dichtern, Björn Kuhligk und Jan Wagner, 2003. Die Szene wird beschrieben als immer die selben 80-90 Dichter zwischen 20 und 40 Jahren, die die moderne Dichterlandschaft in Deutschland unter sich ausmachen. Austausch findet statt auf lyrikkritik.de, fixpoetry.de oder kookbooks.de, speziell für Neuerscheinungen. Beispiel:

Von wegen Poesie - da kann jeder machen, was er will. Kann er auch, gleichzeitig muss sich der Dichter der Community stellen, und die ist alles andere als gnädig. Dort wird gestritten, debattiert, zerrissen, gelobt, sich verstanden, ein eigenes Vokabular entwickelt. Lyrik will schwer sein - und das ist genau das Gegenteil von der Zielsetzung von gutem Content im Internet. Nur muss es deswegen nicht schlecht sein. Eben anders.

Der Moderator Stephan Porombka auf dem Poesiefestival in Berlin beschreibt es so: “Das Gedicht will es dem Leser schwer machen” als “Idee der Arbeit am Gedicht als Arbeit an sich selbst”.

Audibility is King!

Die Beobachtung geht weiter, und genau darin passiert sowohl in der Dichterlandschaft wie auch im Content des Web etwas Neues: Gerade auf Poesiefestivals oder Poetry-Slams kommen Menschen zusammen, denen der Buchhändler im Laden vermutlich keinen einzigen Gedichtband andrehen könnte. Die Lyrik von heute wird gern gesehen und gehört -

“Gelesen wird sie nicht!”.

Das ist eine Verbindung zum Content, der allein auf Nützlichkeit aus ist. Lesen ist anstrengend. Fließtext sowieso. Wenn aus Text eine Grafik wird, umso besser, ideal noch als Infografik; oder als ein Video, bei dem der Text allein zur Untertitelung verwendet wird. Die meisten Videos werden nämlich ohne Ton angeschaut, weil man sich mobil im öffentlichen Raum bewegt. Content des Web wird in Zukunft vermehrt vorgelesen werden, sei es von virtuellen Assistenten wie Alexa, Siri oder Google Home.

Bisher lasen Gedichte eben Dichter vor. Wer weiß, vielleicht rezitiert Alexa auch bald die Odyssee im Versmaß Hexameter. Was bedeutet das für die Nützlichkeit des Content? Möglicherweise, dass nicht mehr so sehr die gute und klare Lesbarkeit entscheidet, die nebenher den Autor auch noch als intelligent dastehen lassen, sondern die gute Hörbarkeit. Das Handwerk des Radio-Redakteurs:

Audibility is King!