Über Farbwirkung und Farbphilosophie, bis es einem zu bunt wird. Ein Einstieg.

Farbkonzepte spielen im Marketing eine wichtige Rolle. Dabei ist die Farbwahrnehmung gar nicht so eindeutig, wie es in Modemagazinen vermittelt wird.

“Du bist irgendwie Winter.”

Das ist keine Bemerkung einer Dame über mein vermeintlich frostiges Gefühlsleben, es ist eine Einschätzung darüber, welche Farben ich tragen kann und was zu meinem Hauttyp passt. In meinem Falle ist es Anthrazit. Super. Dabei ist Anthrazit für einen Menschen mit Protanomalie, also der manchmal nicht so recht grün und rot unterscheiden kann, gar nicht so ungünstig. Streng genommen ist Anthrazit ja gar keine Farbe, sondern ein Grauton. Und das steht - ein Aspekt der Farbwirkung vorne weg - neutral formuliert für reizarm. Also eigentlich langweilig, traurig und nichtssagend. Also doch irgendwie Winter. Dabei bringt Grau andere Kontrastfarben erst so richtig zur Geltung. Aber man kann es in der Interpretation von Farben auch übertreiben, wer weiß, vielleicht gibt es sowas wie Farben ja auch gar nicht. Dazu später.

Was wollte mir die Dame nun eigentlich sagen? In der Farbberatung gibt es eine vereinfachte Kategorisierung von Hauttypen. Nicht jeder Hauttyp kann alle Farben tragen. Wer was tragen kann, entscheidet eine Einordnung in die vier Typen Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Jeder Kategorie ist eine Farbpalette zugeordnet, die für mich vorteilhafte Kleidungsfarben sortiert. Vielleicht ist eine derartige Kategorisierung aber auch nur Unsinn, würd ich als Mann jetzt sagen. Schließlich hat auch die Modebranche so ihre Fails zu verzeichnen.

Das ist nur ein kleines Beispiel, welche Wirkung Farben auf uns und andere haben können. Aber nicht müssen. Es steckt eine eigene Philosophie dahinter, die sich nicht nur auf Modemagazine beschränkt. Philosophie denkt weiter. Hier finden Sie einen kleinen Einstieg.

Farbphilosophie und Farbpsychologie

Was spontan mit Farbphilosophie assoziiert wird, ist eher ein Teilbereich der Farbpsychologie, die Farbwirkung. Die Farbphilosophie fragt nach Gründen, Ursachen und Voraussetzungen, die Farbpsychologie untersucht die Wirkung von Farben. Die Psyche eines Menschen ist für die Wahrnehmung zuständig. Sie liefert dem Gehirn die Infos, die es anschließend verarbeitet. Eine gestörte Psyche liefert verzerrte Wahrnehmungen, das Gehirn ist aufgeschmissen. Wenn das System jedoch einigermaßen so läuft, wie es soll, dann können wir uns durch eine Fülle von Impressionen in unserer Umwelt orientieren. Viele Farben strömen gleichzeitig auf uns ein. So kann das Gehirn vergleichen, Schatten erkennen, Tiefe abschätzen, Entfernungen bis zur Beute oder zum Räuber erkennen oder reife Früchte identifizieren.

Gelingt die Verarbeitung der Eindrücke einigermaßen, erhält man einen harmonischen Eindruck, wird jedoch die Aufgabe zu widersprüchlich oder zu kompliziert, entsteht ein Durcheinander, eine Disharmonie. Die Psyche spiegelt jedoch kein rein objektives Bild der Wirklichkeit wider. Eigene Erfahrungen und Assoziationen beeinflussen die Analyse. Dieser subjektive Anteil ist der Grund dafür, dass im Bereich der Farbwirkung von Annäherungen die Rede ist, von Empfehlungen mit einem gewissen Toleranzspielraum. Die Farbwirkungen im Einzelnen spielen überall dort eine Rolle, wo eine Botschaft transportiert werden soll, also in Werbung und Marketing, aber auch in Kunst und Fotografie. Ein paar Beispiele für Assoziationen von bestimmten Farben:

Foto: © idowapro 2017

  • Rot – die Lieblingsfarbe von 20 % der deutschen Bevölkerung. Sie wird gerne mit den Adjektiven aktiv, heiß, körperlich und leidenschaftlich assoziiert, mit Energie, Sexualität und Erotik. Allerdings auch mit Zorn, Impulsivität und Aufregung. Im Politischen hat die Farbe Rot den Symbolgehalt von Revolution, Kommunismus, der Arbeiterbewegung, im Alltag auch als Warn- oder Signalfarbe. Psychologisch wirkt Rot appetitanregend, erhöht den Puls und kann zu Impulskäufen verleiten. Z.B. Lego, McDonalds und Netflix machen sich das zunutze.
  • Blau steht für Geistigkeit, Seriosität oder einem Ideal, für Treue, Zuverlässigkeit, Leistung und Sportlichkeit. Die Blue Jeans war früher die Hose der Arbeiter. Blau findet häufigen Einsatz in der Corporate Identity von Unternehmen, da diese Farbe für Vertrauen und Sicherheit steht. Viele Versicherungen (Allianz, Signal Iduna, AXA, das Preisvergleichsportal Check24), American Express und Skype bedienen sich hierbei. Mit 38 % ist Blau die absolute Lieblingsfarbe der Deutschen. Im Webdesign wird die Farbe Blau mittlerweile leider viel zu inflationär eingesetzt.

  • Grün steht für Natürlichkeit, Realität, Frische, Hoffnung, Gesundheit und soll aufheiternd wirken. In manchen Krankenhäusern tragen Ärzte bereits grün statt weiß. Psychologisch wird die Grünwirkung mit Wachstum, Fruchtbarkeit und Reichtum von Android, BP und Starbucks genutzt. 12 % der Deutschen setzen auf Grün als ihre Lieblingsfarbe.
  • Weiß wird mit Reinheit, Klarheit und Klugheit assoziiert. Noch vor Blau gilt es als Wissenschaftsfarbe und als Farbe der Unschuld (wobei das weiße Brautkleid vermutlich nicht immer das hält, was es verspricht).

Soviel zur Theorie. In der Praxis ist das natürlich nicht so einheitlich: Nicht jedes Geldinstitut setzt auf Blau (siehe die Commerzbank). Das Gelb in deren Markenauftritt wird assoziiert mit Optimismus und Lebensfreude - zumindest von der Marketingabteilung. Wie ist das dann mit der gelben Karte im Fußball zu vereinbaren, die den Spieler verwarnt? Gar nicht. Deswegen vielleicht besser mal die ganze festgefahrene Denke von den Farbwirkungen über Bord werfen und neue bunte Wege beschreiten. Gelb ist nicht gleich gelb und blau nicht gleich blau. , das sollte ich mir vielleicht mal merken. Filigrane Differenzierungen sind die Lösung, wie wir noch sehen werden (also vielleicht nicht alle…) – Farbabstufungen haben längst an Bedeutung gewonnen.

Die Farbschattierungen, die mir verwehrt bleiben, können mittlerweile auch schon mit technischen Innovationen vermittelt werden. Es gibt Brillen, die die Farbsehschwäche ausgleichen können. Diese Wirkung ist sehr überraschend, als hätte ein Mensch neues Augenlicht bekommen. Die Reaktionen sind mitreißend, eine Doku von CNBC hat das Thema aufbereitet.

Die Frage nach den Ursachen und Gründen von Farben und nach den Grenzen und Möglichkeiten des eigenen Erkennens ist wiederum eine Aufgabe der Philosophie. Und auch eine sehr spannende, also alles, was mit Wahrnehmung zu tun hat. Berühmte Beispiele: Stellen Sie sich vor, in der Realität sind Sie nur ein Gehirn in einem Glasbehälter, angeschlossen an mehrere Dioden, die Ihnen Ihre kompletten Wahrnehmungen vorspielen, etwa dass Sie diesen Beitrag hier lesen. Widerlegen Sie das erstmal. Wake up, Neo. Oder: Sie sehen einen OP-Tisch, auf dem eine Person liegt, die permanent mit Glückshormonen vollgepumpt wird. Der glücklichste Mensch der Welt. Oder doch nicht? Wollen Sie mit ihm tauschen?

Die Farbphilosophie, die sich selbst eliminiert

Die Philosophie über die Erkennbarkeit der Farben stellt ähnliche Gedankenkapriolen auf. Gibt es Farben überhaupt? Sind sie nicht eine Erfindung unseres Gehirns?

In der Geschichte der Philosophie gibt es so gut wie keine einzige Meinung, der alle Philosophen zustimmen würden. Auch hier gibt es mehrere Lager. Eine dualistische Einteilung, also die Aufteilung in zwei Lager, ist hier gerne der Anfang des Verständnisses. Es sollte wie bei vielen Dualismen allerdings nicht dabei bleiben.

In der Farbphilosophie gibt es die einen, die Farben als Eigenschaften von den Objekten selbst ansehen. Die anderen meinen, Objekte haben gewisse Eigenschaften, die von der Retina oder von Neuronen nur als Farben interpretiert werden. Die objektive Welt dagegen kenne überhaupt keine Farben, nur verschiedene Wellenlängen des Lichts. Kann ich nun anziehen, was ich will? Ne, man solle schon so tun, als ob es Farben gäbe. Allerdings ist es nur eine Illusion. Ich als rot-grün Sehgeschwächter atme hier auf. Meine Illusion hat Fehler, kann ja auch was positives sein. Menschen mit bester Farbsicht sitzen womöglich nur einer perfekten Illusion auf. Dann lieber eine Illusion, die brüchig ist und Schwachstellen hat. In der Fachwelt bezeichnet man diese Überzeugungen als Color Fictionalism.

Die anderen sind die Vertreter von Color Realism. In deren Theorien sind Farben eine Eigenschaft von Objekten selbst. Zum Beispiel Reflektionseigenschaften von Oberflächen. Das wäre insoweit verständlich, weil Farben etwas mit Licht zu tun haben. Licht besteht aus Wellenlängen. Je sexier das Licht wird, desto länger die Lichtwelle (erster Lernerfolg der Farbpsychologie: sexier = röter). Aber ob das dann vom Objekt als Farbe ausgeht oder erst in der Wahrnehmung als Farbe deklariert wird, ist wiederum nicht so eindeutig.

Im Lager der Realisten gibt es dann die Physikalisten, die Relationalisten, Reduktionisten und Primitivisten, im Lager der Fiktionalisten die Irrealisten, Subjektivisten und so fort. Wen das interessiert und des Englischen mächtig ist, kann sich auf der Philosophieseite der Stanford University einlesen, bis ihm die Farben vor den Augen verschwimmen. Oder es ihm zu bunt wird.

Fest steht, es mögen Versuche existieren, Farben aus der objektiven Realität zu eliminieren, nicht aber das Nachdenken über Farbwahrnehmung und über die objektive Wirklichkeit. Also bleiben Farben als Thema der Philosophie erhalten. Color Science.

Es kann ja auch schon genügen, sich über die Wirkung von Farben Gedanken zu machen, unabhängig davon, woher sie kommen und wie sie begründet werden. Es wird immer ein Rotlichtmilieu geben und eine Blaulichtsirene. Und man kann sich diese Wirkungen geschickt zunutze machen, wie es in der Werbung und im Marketing geschieht. Der FC Bayern hat fast unbemerkt sein Logo verändert: satteres Rot, weniger Magenta, weniger Rauten, veränderte Schrift. Ein klares Rot für eine klare Ansage.

Die Universalisierung der Farbwahrnehmung

Trotz der philosophischen Unwägbarkeiten der Farbwahrnehmung gibt es Ansätze, auch in Zeiten der Globalisierung aus dem Regenbogenspektrum ein vereinheitlichendes Farbsystem zu entwickeln, an dem sich alle, die mit Farben arbeiten müssen, orientieren können. Der Vierfarbdruck ist angesichts dieses Spektrums überfordert. Das Unternehmen Pantone LLC aus New Jersey hat in den 1960er Jahren ein Farbsystem für den Druck entwickelt, das neben den klassischen Druckfarben Cyan, Magenta, Yellow und Key (Key=Schlüsselfarbe für den Kontrast=Schwarz) schon bis ins Jahr 2014 auf über 1.700 Sonderfarben angewachsen ist. Das Pantone-Farbsystem (Pantone Matching System, PMS) hat seine Farbpaletten praktisch und anschaulich als Farbfächer gebündelt und bildet eines der Lieblingswerkzeuge jedes Designers. Das PMS ist eine Lösung, um weltweit einheitlich und unabhängig von der individuellen Farbwahrnehmung kommunizieren zu können. Eine Lösung für alle philosophischen und psychologischen Probleme der Farbwahrnehmung? Wohl kaum, ein rot-grün-Geschwächter kann zwar Zahlen unterscheiden, aber nicht erkennen, welche Unterschiede ihnen in der Realität entsprechen. Aber genau darum gehts in der Diskussion der Wahrnehmung.

Foto: © idowapro 2017

Interessant ist, dass nun Grafiker dieses systematisierte Pantone-Farbsystem, das jedem Farbton eine schnöde Nummer zuweist, wieder in der realen Welt entdecken und dem Farbfächer gegenüber stellen. Farbtöne und harmonische Farbkombinationen haben in jeder Design-Branche enorm an Bedeutung gewonnen. Wo wir diese finden? In der Natur, direkt in unserer Umgebung, vor unserer Nase. Denn genau dort findet man die perfekten Farbharmonien schlechthin. Oder der Mensch empfindet das nur als perfekt, weil es eben sein Ursprung ist, die Natur. Auch viele Instagram-User haben das schon für sich entdeckt. Wir haben uns überlegt, welcher Teil des Fächers wohl für die Stadt Landshut einen guten Match ergibt. Es ist ein anschauliches Beispiel für die eingangs erwähnte Psychologie der Wahrnehmung. Aus einem Ausschnitt der Umwelt entwickelt der Mensch eine Systematik, die er wiederum mit der Umwelt konfrontiert, um zu sehen, ob sein entworfenes System so richtig ist. Im Grunde macht das Gehirn in der Verarbeitung von Umwelteindrücken auch nichts anderes. Vielleicht ist das mit ein Grund dafür, dass das Suchen von Pantone-Farben in der Realität gerade so beliebt ist: Es veranschaulicht komplexe Prozesse der Wahrnehmung - in nur einem Bild. Eine perfekte Strategie für Instagram.

Zumindest habe ich mir das so sagen lassen. Um das mit eigenen Augen zu überprüfen, bin ich wohl auf eine Farbfehlsichtigkeitskorrekturbrille angewiesen. Damit gehöre ich dann endlich zur Liga der sogenannten Normalsichtigen. Oder zu der einer perfekten Illusion Erlegenen.